Blicke rückwärts

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Eine Sache der DDR-Zeiten macht mich neugierig: wie kann man heutezutag mit der Tatsache umgehen, dass das Land seiner Kindheit nicht mehr existiert? Vieles, was man als “richtig” gelernt hat,  ist mit der Zeit verschwunden.

Jetzt die Erinnerungen von Lars dos Santos Drawert, der bei Dresden geboren ist. Er ist  auch der grosse Verantwortliche, dass ich euch von hier schreiben kann. 🙂

Als 1989 die Mauer fiel war ich gerade mal 13 Jahre alt und verstand natürlich noch nicht so recht, was da gerade passierte.

An die konkreten Ereignisse in diesen Tagen erinnere ich mich kaum. Das Meiste habe ich erst in den Jahren danach von meiner Familie, von Freunden und Bekannten erfahren oder habe es nachgelesen. Trotzdem wohnen die unglaublich starken Emotionen dieser Monate in mir wie große schlafende Tiere. Bilder von den Montagsdemonstrationen in Leipzig oder dem Mauerfall in Berlin wirken nachwievor so stark auf mich, dass mir unmittelbar die Luft wegbleibt und mein Puls in die Höhe schnellt. Die starken Gefühle, die dann so plötzlich wie aus dem Nichts hochkommen, beweisen mir dann, dass ich das alles, wenn auch aus einer kindlichen Perspektive heraus, erlebt habe.

Dieses Ereignis teilt mein Leben in zwei Teile: dem Vorher und dem Nachher. Nicht so sehr im logischen oder abstrakten Sinn, sondern ganz unmittelbar im eigenen Empfinden. Die Vergangenheit, die Kindheit liegt in einem fernen Land, daß nicht mehr existiert. Sie ist wie durch einen halbdurchsichtigen, mit Revolutionsbildern bemalten Vorhang abgetrennt und doch, natürlich, gehört sie zu mir.

Aus den Jahren in der sozialistischen Schule ist dennoch einiges im Gedächtnis geblieben. Viele schöne, vor allem gemeinschaftliche Erfahrungen sind aber leider immer wieder gekoppelt mit dem Wissen, dass die Unschuld und Naivität der Kinder für die sozialistische Erziehung benutzt wurde. Eine halbmilitärische Grundstruktur bis in die Schulklassen hinein hat es ebenso gegeben wie das Verteilen von Funktionen (Gruppenratsvorsitzender, Stellvertreter etc.), regelmässige Appelle in Formation und Pionieruniform, Medaillen und Lob bei fleissigem und gehorsamen Lernen oder Tadel und teilweise sogar öffentliches Bloßstellen bei Fehlverhalten. Von heute aus betrachtet haben daher viele Erinnerungen an die eigentlich schöne und sehr vielseitige Schulzeit einen ziemlich bitteren Beigeschmack.

Die Zeit nach dem Mauerfall war eine ebenso prägende Erfahrung. Plötzlich verschwanden die sozialistischen Werbeplakate von den kaputten Hauswänden und wurden nach und nach durch Produktwerbung von Autos oder Rasierapparaten ersetzt. In Schulfächern wie z.B. Gesellschaftskunde änderten sich innerhalb kürzester Zeit die Vorzeichen. Was eben noch gültig war, wurde plötzlich ungültig. Aus schlecht wurde gut und umgekehrt. Auf die Geschichte schaute man plötzlich aus einer völlig anderen Richtung. Zum Teil wurden sogar die neuen Sichtweisen noch einige Monate von den selben Lehrern vermittelt, die mir kurz zuvor noch einen Text vom Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus diktiert hatten – schon merkwürdig für einen jungen Menschen. In dieser Phase haben wahrscheinlich viele erfahren was Relativität bedeutet oder auch was der Unterschied ist zwischen Wirklichkeit und Interpretation.

Etwas später schossen vielerorts improvisierte Bars aus dem Boden. Es gründeten sich Bands, Galerien oder kleine Magazine. Überall war Bewegung, Erblühen, Lebensfreude und Optimismus. Das Gefühl, tatsächlich jemand zu sein und etwas verändern zu können teilten wohl die meisten und auch wir jungendlichen Schüler miteinander. Wir schlossen uns zu Interessengemeinschaften zusammen, gründeten eine kritische Schülerzeitung und schimpften gegen Autos von Mercedes.

Die Erinnerung an diese Energie lebt in mir als Sehnsucht fort. Die späteren Ernüchterungen, Einsichten und schwierigen Lernprozesse waren, jedenfalls teilweise, vielleicht auch deshalb so schmerzhaft, weil die Kontraste zwischen den verschiedenen Emotionen: Unfreiheit, Befreiung, Hoffnung und Dämpfung so stark waren.

Was für mich bleibt ist eine ständige Sehnsucht nach den ersten Jahren nach 1989, eine Sehnsucht nach dieser Energie und der wunderbaren jugendlichen Naivität, aber auch, bei allen Schwierigkeiten im „neuen Land“, eine tiefe Dankbarkeit den Menschen gegenüber, die diesen Umbruch möglich gemacht haben.

Wo ich heute ohne die Wendeereignisse wäre  bzw. wer ich in dieser sozialistischen Diktatur überhaupt hätte werden können, möchte ich wirklich nicht wissen.

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